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Einleitung | Anmerkungen | Literatur

Register mit Erläuterungen und Mitteilungen über Veränderungen (z.B. verschwundene oder umbenannte Straßen)

 

F

Flora-Neumann-Straße
Diesen Namen trägt der ehemalige östliche Abschnitt der Kampstraße (später: nordöstliche Verlängerung der Grabenstraße) seit dem Jahr 2010. Er erinnert an eine langjährige Bewohnerin des Karolinenviertels, die wegen Ihres jüdischen Glaubens zusammen mit ihrem Ehemann Rudi und dem gemeinsamen Sohn Bernd während des NS-Regimes rassistischen Verfolgungen ausgesetzt war. Flora, Rudi und Bernd Neumann überlebten die Verfolgung und die Inhaftierung in verschiedenen Konzentrationslagern. Sie kehrten 1951 nach Hamburg zurück.
Die offzielle Bekanntgabe der Benennung erfolgte im "Amtlichen Anzeiger" (Amtlicher Anzeiger, Teil II des Hamburgischen Gesetz- und Verordnungsblattes. Herausgegeben von der Justizbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Ausg. Nr. 51 vom 2. Juli 2010: S. 1122/3: Anhang.) mit folgender Begründung:
"Flora-Neumann-Straße: nach Flora N. (1911–2005), jüdische Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus; hat an den Hamburger Schulen bis ins hohe Alter als Zeitzeugin Tausende von Schülerinnen und Schülern über die NS-Zeit und den Holocaust aufgeklärt; zugleich zur Erinnerung an ihren Ehemann Rudolf N. (1908–1999), Elektriker, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, sowie an ihren Sohn Bernd, der mit den Eltern Auschwitz überlebte."
Die Belegenheit wird wie folgt beschrieben:
"… die nachstehend beschriebene[.] Verkehrsfläche[.] [wird] wie folgt umbenannt: im Bezirk Hamburg-Mitte, Stadtteil St. Pauli – Ortsteil 109 – den etwa 230 m langen, von der Karolinenstraße nach Westen abzweigenden Nordteil der Grabenstraße in Flora-Neumann-Straße, …" (a.a.O., S. 1121)
[Die Hamburger Journalistin und Autorin] Peggy Parnass berichtete bei unterschiedlichen Gelegenheiten über das Leben ihrer Tante und ihres Onkels im Widerstand und als Juden im Dritten Reich: "Flora Neumann überlebte das KZ-Lager Auschwitz. Ihr Mann wurde nach dem Ende der NS-Zeit im KZ Buchenwald befreit. Der Sohn des Ehepaares wurde während der NS-Zeit in einem Kloster in Belgien versteckt. Die Familie Neumann ist die einzige jüdische Hamburger Familie, die den Holocaust als Familie überlebt hat."
(Nach: Landeszentrale für politische Bildung Hamburg. Jahresbericht 2007, S. 40.)
Rita BAKE hat die Flora-Neumann-Straße in die 6. Auflage (2011) Ihres - unter dem Titel „Wer steckt dahinter?“ veröffentlichten - Lexikons nach Frauen benannter Straßen in Hamburg aufgenommen. Sie ergänzt die Angaben wie folgt:
"St. Pauli, seit 2010, nach Flora Neumann (1911-2005), jüdische Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus; hat an Hamburger Schulen bis ins hohe Alter als Zeitzeugin Tausende von Schülerinnen und Schülern über die NS-Zeit und den Holocaust aufgeklärt; zugleich zur Erinnerung an ihren Ehemann Rudolf N. (1905-1999), Elektriker, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, sowie an ihren Sohn Bernd, der mit den Eltern Auschwitz überlebte.
Die jüdische Widerstandskämpferin Flora Neumann wurde 1911 in Hamburg geboren und war Schülerin an der Israelitischen Töchterschule in der Karolinenstraße (das Hauptgebäude ist unzerstört erhalten geblieben. In einigen Klassenräumen hat die Hamburger Volkshochschule eine Gedenkstätte als Museum Dr. Alberto-Jonas-Haus in der Karolinenstraße 35 eingerichtet.) 1938 floh Flora Neumann mit ihrem Sohn nach Belgien und Frankreich und war im Widerstand gegen Hitler aktiv. Das Ehepaar wurde verraten und auf der Flucht getrennt. Ihren Sohn Bernhard konnten sie in einem belgischen Kloster verstecken. 1943 wurde Flora Neumann verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz bei Krakau ([im "Generalgouvernement" im besetzten] Polen) deportiert. Sie überlebte nicht nur das KZ Auschwitz, sondern auch den Todesmarsch 1945 Richtung Westen in das KZ Ravensbrück (damaliger brandenburgischer Landkreis Templin-Uckermark). Nach der Befreiung traf sie ihren Mann, der das KZ Buchenwald überlebt hatte, in Brüssel wieder.
1951 kehrte sie gemeinsam mit ihrem Mann nach Hamburg ins Karolinenviertel zurück. Für jeden Tag, den sie im KZ hatten verbringen müssen, erhielten sie eine Entscheidung von 5 DM. Mit dem Betrag eröffneten sie in der Karolinenstraße eine Wäscherei.
Flora Neumann war ein außerordentlich aktives Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Hamburg. Bis ins hohe Alter hat sie an Hamburger Schulen als Zeitzeugin Tausende von Schülerinnen und Schüler über die NS-Zeit aufgeklärt.
2005 starb Flora Neumann im Alter von 94 Jahren. Im November 2010 wurde ein Teil der bisherigen Grabenstraße im Karolinenviertel nach Flora Neumann benannt. Im Rahmen des städtebaulichen Erneuerungskonzeptes St. Pauli-Nord/ Karolinenviertel ist mit dem Richtfest für das Jüdische Kulturhaus Karolinenviertel in der Turnhalle der ehemaligen Israelitischen Töchterschule an der Flora-Neumann-Straße 'ein weiterer Schritt gegen das Vergessen getan' [worden] (QN-Karolinenviertel Nr. 61/ Juni 2011, S. 5).
Flora Neumanns Lebenserinnerungen mit dem Titel 'Erinnern, um zu überleben' (mit einem Nachwort von ihrer Nichte Peggy Parnass, Konkret Verlag, Hamburg 2006) sind ein bewegendes und seltenes autobiographisches Zeugnis jüdischen Widerstandes während der NS-Zeit sowie des Überlebens in Vernichtungslagern. Peggy Parnass beschrieb in ihrem Nachwort zu den Lebenserinnerungen Flora Neumann so: 'Die kleine, große Widerstandskämpferin. Klein, kulleräugig, sinnlich, lebenslustig, liebevoll, charmant, fröhlich, warm, spontan, unendlich großzügig. Ihre KZ-Nummer: 74559. Hübsch und leserlich am linken Arm. Nicht auszuradieren. Flora, ihr Mann und ihr Sohn sind die einzigen Hamburger Juden, die als Familie überlebt haben. Die Bilder von Auschwitz haben Flora nie losgelassen. Bis zuletzt hat sie politisch Stellung bezogen, gegen Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit gekämpft. Wer sie kannte, liebte sie.“
[Von] Cornelia Göksu

Ein wichtiges Gebäude an dieser Straße wird künftig die Belegenheit Flora-Neumann-Str. 1 haben. Es handelt sich um ein neues Gemeindehaus (mit Versammlungssaal, Bibliothek, Seminar- und Büroräumen) der Jüdischem Gemeinde in Hamburg, das durch den denkmalgerechten Um- und Ausbau der ehemaligen Turnhalle der Israelitischen Töchterschule entstand, die sich an der Einmündung der Straße in die Karolinenstraße (Haus Nr. 35) befindet.
Ein anderer erwähnenswerter Neubau ist das gegenüberliegende neue Wohnhaus der (Wohnungs-) Baugenossenschaft Hansa e.G., das zu Beginn des Jahres 2011 fertiggestellt und bezogen wurde.

siehe auch: Grabenstraße

 

Anmerkungen

[1] siehe: Horst Beckershaus, Die Hamburger Straßennamen. Woher sie kommen und was sie bedeuten. (Hamburg: Kabel-Verlag / Hamburger Abendblatt, 1997)

[2] siehe: Christian Hanke, Hamburgs Straßennamen erzählen Geschichte. (Hamburg: Medien-Verlag Schubert, 1997)

[3] siehe: [Joachim, E.:] Erklärung der Straßennamen der Stadt Hamburg. Sonderdruck aus dem 5. Sonderheft der Statistischen Mitteilungen über den hamburgischen Staat: Die Gemeinden und Straßen des hamburgischen Staatsgebietes nach dem Stande von Anfang Oktober 1925. Hamburg, 1925 (Druck von Lütcke & Wullff).
(Erstmalig: "Erklärung der Straßennamen der Stadt Hamburg." = Statistische Mitteilungen über den Hamburgischen Staat. Teil II, S. 51-84. Hamburg, 1925.)

[4] siehe: Reinhold Pabel, Alte Hamburger Straßennamen. (Bremen: Edition Temmen, 2001)

 

Weitere Literatur

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