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Einleitung | Anmerkungen | Literatur

Register mit Erläuterungen und Mitteilungen über Veränderungen (z.B. verschwundene oder umbenannte Straßen)

 

T

Talstraße
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(historische Schreibweise: Thalstraße)
BECKERSHAUS: (St. Pauli), 1849, nach dem ehemals wasserreichen Tal der Pepermölenbek (inzwischen versiegt).
EStH: Ben.[annt] 1849 mit Bezug auf das wasserreiche Tal, das hier in alter Zeit durch Aufstauung des Grenzbachs zwischen Hamburg und Altona zu Befestigungszwecken entstanden war, und im Anschluß an den Namen Joachimst[h]al, den das Saal- und Gartenlokal von seinem Besitzer Joachim Friedrich Froichen führte, das an der Ausmündung der neuen Straße in die Lange Reihe belegen war.
HANKE: kein Eintrag.
Die o.g. "Lange Reihe" bildet seit Ende des 19. Jahrhunderts den westlichen Abschnitt der Reeperbahn. Über das Gartenlokal "Joachimsthal“ ist unter dem Stichwort "Vorstädte“ des "Hamburgischen Adress-Buchs für das Jahr 1820“ im Abschnitt "Behörden und andere Körperschaften, amtliche Information: Alphabetisches Verzeichniss einiger Hamburgischer Anstalten, öffentlicher Gebäude und anderer Merkwürdigkeiten, zunächst für Fremde" auf Seite 669 zu lesen:
" V o r s t ä d t e. … 2) Der Hamburger-Berg liegt außerhalb des Millern- (Altonaer) Thors. Die schönen Gebäude des Krankenhofes und die Baracken für Arme, welche sich hier befinden, sind in der Belagerung, mit der Vorstadt selbst, von den Franzosen abgebrannt. Gesehen zu werden verdient hier ein Belustigungsort des grösseren Publicums, das Wirthshaus des Herr Froichen, Joachimsthal genannt, das schnell und verschönert aus seinen Ruinen emporgestiegen in einem seiner Säle die sehr gut getroffenen Bildnisse der Befreyer des Vaterlandes enthält; ferner die Elb-Erholung und Elb-Halle. Auf dem Hamburgerberge findet man gewöhnlich eine große Menge Buden mit Wachsbildern, Seiltänzern, Marionetten, ausländischen Thieren u. dergl. Am Sonntage gewährt das laute Gewühl der Lustwandelnden, der Verkäufer u.s.w. einen erheiternden Anblick. - In dieser Vorstadt war ehemals eine Kirche, die bald wieder hergestellt seyn wird."
Das genannte Tanzlokal Joachimst[h]al wurde ab 1858 von Carl Schultze gepachtet, der dort ein Sommertheater gründete. Daraus ging später eines der bekanntesten Hamburger Operettenhäuser, das Carl-Schultze-Theater an der Reeperbahn, hervor.
Aus den historischen Akten im Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg (Bestand 411-2, Aktenstück II A 6203) geht hervor, dass der Grundeigentümer Heinrich Köhlmoos 1846 beantragte, eine Straßenverbindung zwischen der damaligen Langen Reihe (Heute: Reeperbahn) über die sog. Admiralitätsweiden bis zum Beginn des Klütjenstiegs, dem heutigen nördlichen Abschnitt der Talstraße, herzustellen. Diese wurde zunächst von Süden her als Sackgasse angelegt und im Verlauf der 1850er Jahre wie vorgesehen nach Norden verlängert. Der Klütjenstieg verlor 1859 zugunsten der durchgehenden Talstraße seinen Namen. In den folgenden Jahrzehnten wurde die neue Straße an beiden Seiten mit ersten Etagenhäusern bebaut, die in der Gründerzeit durch eine neue höhere Bauschicht ersetzt wurden. Zu dieser zweiten Phase gehört u.a. das Ensemble in der Talstr. 11-15, in dem sich heute die Räume der "Heilsarmee" auf St. Pauli befinden. Es wurde 1889-90 nach Plänen der Architekten Stommann & Zinnow für den Verein "Herberge zur Fremde" errichtet. Auch die folgenden Häuser in der Talstr. 17/ 19/ 21, 25 und 29 wurden nach Plänen des Architekten Hermmann J. Jahnke in den Jahren 1910 bis 1912 in einem Zuge errichtet. Auftraggeber des Komplexes Talstr. 17, 19 und 21 waren P. Dalm und A. Bohnhoff; die beiden benachbarten Häuser wurden im Auftrag von W. Carlt und E. F. Fraatz errichtet.
An der Talstraße endete bis in die 1950er Jahre die, von Osten kommende, heutige Simon-Utrecht-Straße. Nach Westen in Richtung Große Freiheit und Altona schloss sich eine Passagen- bzw. Terrassenbebauung an. Diese wurde, ebenso wie die Häuserzeile an der Nordseite der benachbarten Schmuckstraße fast vollständig abgebrochen, um einen breiten Straßendurchbruch nach "Neu-Altona" zu schaffen. Diese Situation ist z.B. an den direkt an der Straße liegenden geschlossenen Giebelwänden an der Einmündung der Straße Kleine Freiheit in die Simon-von-Utrecht-Straße ablesbar. Auch der den Grenzgang zwischen Hamburg-St. Pauli und Altona-Altstadt umschließende historische Straßenblock zwischen Talstraße, Schmuckstraße, Große Freiheit und Paul-Roosen-Straße mit seiner Blockrandbebauung und den innenliegenden Gewerbenutzungen wurde teilweise aufgelöst. Neben dem Straßendurchbruch erlitt er in der vergangenen Jahrzehnten noch weitere Zerstörungen, die seine wünschenswerte Funktion als "Freilichtmuseum der vorstädtischen Stadtbaugeschichte" weiter beeinträchtigten.
Erst im Mai und Juni 2004 wurden die beiden letzten historischen Terrassenzeilen in der Talstraße 67 abgebrochen und von der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SAGA durch einen architektonisch eher langweiligen Neubauriegel ersetzt. Dieser zeichnet sich nicht nur durch eine zum Blockinneren gewandte Rückseite mit der baulichen Anmutung eines Parkhauses aus, deren Missachtung gestalterischer Rücksichtnahme auf die Umgebung stark an die Hinterhaus-Ausblicke des späten 19. Jahrhunderts erinnert, sondern durch eine "aquarienartig" vollverglaste vordere Fassade an der verkehrsreichen Simon-von-Utrecht-Straße, die insbesondere die BewohnerInnen einiger unzeitgemäßer, nicht quer zu lüftender Kleinwohnungen der – als Dreispänner ausgebildeten – Normalgeschosse einigermaßen vor Verkehrsimmssionen schützen soll.
Über die abgebrochenen Terrassenzeilen, für deren Erhaltung sich zahlreiche BewohnerInnen und ein Team junger ArchitektInnen eingesetzt hatten, berichtete Elke GROENEWOLD noch 1998:
"Eine besondere 'Vorderhaus-Situation' stellt sich in der Talstraße 67, wo ein Terrassen-Flügel durch den Durchbruch der Simon-von-Utrecht-Straße zur Straße zur Straßenrandbebauung wurde, während sich anstelle des Vorderhauses jahrzehntelang eine Freifläche befand. Im März 1997 wurde der [städtischen Wohnungsgesellschaft] SAGA die Genehmigung erteilt, diese Lücke mit einem umstrittenen fünf- bis sechsgeschossigen Neubau zu schließen. Für die Zukunft muß wohl davon ausgegangen werden, daß der abgesackte linke [südliche] Hinterhausflügel einer geschlossenen Blockrandbebauung weichen muß."
(Elke Groenewold, "Rundgang 3: Das Terrassen-Quartier. Die vergessene Hälfte St. Paulis." In: Kiek mol, 1998: S.393 ff.).
Tatsächlich wurden beide Terrassenflügel abgebrochen, nachdem die BewohnerInnen der kleinen und einfachen, aber preiswerten Wohnungen, dem Druck, in Ersatzwohnungen umzuziehen, mehr oder weniger schnell nachgegeben hatten. Die letzten kapitulierten, nachdem der Abbruch leer stehender Abschnitte der Gebäude bereits begonnen hatte, während einige Wohnungen noch bewohnt waren!
Die durch den Neubau an der Simon-von-Utrecht-Straße als neuem Blockrand ausgebildete Eckbebauung blockiert zudem auch die Fortführung einer jahrelang geplanten grünen Fußwegeverbindung zwischen der Hein-Hoyer-Straße und dem ehemaligen Schulgelände der Pestalozzi-Grundschule zwischen Großer und Kleiner Freiheit und engt den Zugang zum erhaltenen Teil des historischen Grenzgangs von Süden her stark ein.
Es gab jedoch auch Bereicherungen in diesem Straßenblock, u.a. durch den Erhalt der sog. "Soldatenhäuser" östlich der Großen Freiheit oder zeitgemäß-schlichte Backstein-Neubauten einer Wohnungsbaugenossenschaft an der Ecke Talstraße / Paul-Roosen-Straße.
Bemerkenswert im südlichen Abschnitt der Talstraße (an der Ecke mit der Schmuckstraße) ist das Gebäude Talstraße 47, das Ende des Jahres 2009 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Es wurde unmittelbar nach Aufhebung der Torsperre zur Vorstadt St. Pauli im Jahr 1862 im Auftrag des Erwerbers des Grundstücks, Georg Heinrich Jacob Schmuck, als "über die gesamte Grundstücksbreite reichendes, 46 Fuß tiefes Wohnhaus von vier Stockwerken mit Pfannendach" errichtet (siehe: Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg, Bestand 411-2, Aktenstücke II F 167 und F 332). Ursprünglich scheint ein Vorgarten vorgesehen gewesen zu sein, weshalb das Gebäude mehrere Meter hinter die Straßenlinie zurückweicht. Neben dem Vorgarten sollte auch der recht aufwendige, für das Baujahr ungewöhnlich "moderne", historistische Bauschmuck an der Eingangsseite zur Schmuckstraße einen höheren Standard andeuten. Der einfache Brandgiebel zur Schmuckstraße beruht darauf, dass diese erst 1867/68 und somit nach dem vermeintlichen "Eckhaus" entstand.

siehe auch: Simon-von-Utrecht-Straße

 

Anmerkungen

[1] siehe: Horst Beckershaus, Die Hamburger Straßennamen. Woher sie kommen und was sie bedeuten. (Hamburg: Kabel-Verlag / Hamburger Abendblatt, 1997)

[2] siehe: Christian Hanke, Hamburgs Straßennamen erzählen Geschichte. (Hamburg: Medien-Verlag Schubert, 1997)

[3] siehe: [Joachim, E.:] Erklärung der Straßennamen der Stadt Hamburg. Sonderdruck aus dem 5. Sonderheft der Statistischen Mitteilungen über den hamburgischen Staat: Die Gemeinden und Straßen des hamburgischen Staatsgebietes nach dem Stande von Anfang Oktober 1925. Hamburg, 1925 (Druck von Lütcke & Wullff).
(Erstmalig: "Erklärung der Straßennamen der Stadt Hamburg." = Statistische Mitteilungen über den Hamburgischen Staat. Teil II, S. 51-84. Hamburg, 1925.)

[4] siehe: Reinhold Pabel, Alte Hamburger Straßennamen. (Bremen: Edition Temmen, 2001)

 

Weitere Literatur

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